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"Gerade jetzt nicht". Antwort auf den warnenden Brief eines Freundes jenseits der Mauer, am Vorabend des 17. Juni 1989: Transparente am Eingang der Gethsemanekirche [1/2]

INFORMATIONEN ZUM OBJEKT
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Details

5. Oktober 1989
Berlin, Stargarder Straße 77
Urheber: Jürgen Nagel

Lizenztyp: Keine Creative Commons

Abgebildet

Fahrrad, Mehrere Personen, Transparent (Spruchband)

Kontext

Angst, Baufälligkeit, Chinesische Lösung, Gewalt, Kritik, Mahnwache, Mut, Sorge

Orte

Gethsemanekirche (Berlin)

Text im Bild

Ein konkretes Angebot / Fastenaktion

Wachet und Betet / Mahnwache und / Fürbitte für die zu / unrecht Inhaftierten

Alle Bilder des Albums

Erinnerung

"Du könntest recht haben: Entgegen aller öffentlichen Erklärungen und weltweiten Hoffnungen – die Situation spitzt sich wieder zu. Alles scheint wieder möglich, auch das Undenkbare. Die Panzer auf dem Platz des Himmlischen Friedens, das Massaker, die Denunziationen, die Schauprozesse könnten mehr als nur fernöstliche Anzeichen sein. Erste Todesurteile sind schon gesprochen – die nächsten Tage werden beweisen: möglich sind öffentliche Hinrichtungen, übertragen im chinesischen Fernsehen und damit weltweit. Und die Welt schreit nicht auf. Wieder mal nicht.

In den Vielvölkerwelten der entdogmatisierten Sowjetunion beginnen die Völker aufeinanderzuschlagen, ebenso in Bulgarien. Und das despotische Rumänien baut einen meterhohen Stacheldrahtzaun zum ehemals sozialistischen Nachbarn (wo die Flüchtlingslager sich füllen), der seinerseits vierzigjährige Grenzbefestigungen zum neutralen aber kapitalistischen Österreich demontiert und sich aufmacht in Richtung Demokratie. Erste Vorstufen freier Wahlen auch in Polen, erste Erfolge. Und das eigene Land isoliert sich weiter, klammert sich an Ewiggestriges, spricht wieder einmal von Konterrevolution in Bruderländern, verbündet sich letztlich noch mit dem altstalinistischen kleinen Albanien. Ein Militärpakt bröckelt.

Folgenreiche Veränderungen auf zwei Kontinenten – nein, ein Flächenbrand im Osten ist wirklich nicht auszuschließen, der allerhärteste Kurs kann trotz Glasnost oder wegen Perestrojka jederzeit und überall wieder möglich sein. Auch und gerade im eigenen Land. Und gerade wegen der Eurasien-weiten Umgestaltungen und der Angst der Mächtigen davor. Nein, die Wiederkehr Schwarzer Listen und Lager ist wirklich so unwahrscheinlich nicht.

Ich gebe Dir recht in Deinen Befürchtungen um mich – möglich ist alles und wahrscheinlich gar nichts. In dieser Welt nicht und nicht in dieser Zeit. Das dritte europäische Mittelalter ist nicht auszuschließen. Doch gerade deshalb kann ich Deine Bedenken nicht annehmen. Ich werde angesichts dieser Wahrscheinlichkeiten nicht vorsichtiger werden – gerade wegen dieser Wahrscheinlichkeiten nicht!

Nachdem ich mir in schmerzlichem Lernprozess über Jahrzehnte endlich und mit Erfolg die Angst abgewöhnt habe, werde ich mir keine neue Ängstlichkeit auferlegen – nun schon gar nicht. Angst ist der schlechteste aller Ratgeber, ist es immer gewesen und jetzt erst recht. Jetzt, da die Oberen ihre Tage zählen und selbst wieder Angst haben – sie also die schlecht Beratenen sind, einen Fehler nach dem anderen machen, zu Gefangenen ihres eigenen Systems werden. Und gewiss können ihre Fehler folgenschwer sein, auch für mich. Gerade deshalb aber sind aufrechte Naturen gefragt in dieser Situation, jetzt mehr denn je. Gerade deswegen: dass Deine leider nicht unwahrscheinlichen Befürchtungen nicht Wirklichkeit werden.

Nach sechsunddreißig Jahren oder nach vierzig – da die Tapeten von der Wand fallen, der Putz großflächig abbröckelt, es überall durchs Dach regnet und das Haus einzustürzen droht – jetzt muss renoviert und umgebaut werden, spätestens jetzt. Und keine Angst, dabei von der Leiter zu fallen – in enger muffiger Kammer dieses Hauses Europa. Gelüftet muss werden, gründlich gelüftet!

Keine Angst vor Zugluft bitte, keine Angst vor Erkältungskrankheiten oder Hitzewellen, keine Angst vor Stolperstellen oder Einsturzgefahr! Und keine Angst vor den Allergien und den Kämpfen der Macht! Gerade jetzt nicht."

(Aus der Sammlung "Das Mauer-Syndrom" mit Kurzprosa aus den Jahren 1961 bis 1990)

Jürgen Nagel (Ost-Berlin)