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Die Mauer in Berlin wird für alle geöffnet, November 1989: Warteschlange am Brandenburger Tor [1/1]

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Details

November 1989
Berlin, Brandenburger Tor
Urheber: Gisela Stange

Lizenztyp: Creative Commons License

Warteschlange am Brandenburger Tor; offiziell wurde der Grenzübergang Brandenburger Tor am 22. Dezember 1989 feierlich eröffnet. Zur Grenzöffnung durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und den Vorsitzenden des DDR-Ministerrates Hans Modrow erschienen hunderte Kamerateams und mehr als 100.000 Menschen.

Abgebildet

Berliner Mauer (West), Mehrere Personen, Meißelspuren, Warteschlange

Kontext

Besuch, Feier, Fernsehen, Freude, Freund, Mauerfall, Überraschung

Orte

Brandenburger Tor, Unter den Linden

Alle Bilder des Albums

Erinnerung

"Am Tage der Grenzöffnung war ich nicht auf dieses Ereignis vorbereitet. Bevor ich zum Türkisch-Abendkurs der Volkshochschule Steglitz ging, sah ich die Nachrichten im Berliner Fernsehen, in denen von der bevorstehenden Reisefreiheit für alle DDR-Bürger gesprochen wurde. Auf die Nachfrage eines Reporters 'ab wann' kam nach einer kurzen Irritation die Antwort 'ab sofort'. Ich dachte, da werde ich wohl bald aus Ostberlin Besuch bekommen. Doch konnte ich mir bei der Gründlichkeit der Kontrollen nicht vorstellen, dass die Grenzbeamten des Ostens so kurzfristig 'sofort' die Maßnahme umsetzen würden. Da mussten doch sicher Anträge gestellt und überprüft werden?

So ging ich zum Volkshochschulkurs. Als ich von der Fernsehnachricht dort berichtete, glaubte man mir nicht. Nach der ersten Unterrichtsstunde stürmte ein Teilnehmer herein und rief: 'Ihr macht noch Unterricht und die Ostberliner stehen an der Grenze und wollen rüber. Die Grenze ist auf!'. Da wurde die zweite Unterrichtsstunde gestrichen und viele strömten freudig erregt zu den Grenzübergängen.

Ich eilte nach Hause und erwartete dort bei laufender Fernsehsendung 'meine Ostberliner'. Als sie kamen, war die Freude groß. Sie konnten es kaum fassen, ohne Passierschein die Grenze nach Westberlin passiert zu haben. Wir feierten mit allem, was ich im Hause hatte. Dabei erzählten sie immer wieder, wie sie mit offenem Herzen hinter der Grenze von den Westberlinern aufgenommen wurden. Wildfremde Menschen luden sie zum Bier ein, sie mussten auf den öffentlichen Verkehrsmitteln kein Fahrgeld zahlen und so machten sie einen Umweg über den Kurfürstendamm, den sie nur noch aus dem Fernsehen kannten. Überwältigt von den Erlebnissen wollten sie kaum glauben, dass sie wie früher nun jederzeit nach Westberlin gehen können um Besuche zu machen. Gegen Morgen verabschiedeten sie sich von mir, um zu ihrer Arbeit zu gehen. Am nächsten Abend kamen dann wieder Freunde. Obwohl sie vorher nie in Westberlin waren, haben sie den Weg zu mir von Hohenschönhausen nach Lankwitz gefunden. Es war wieder eine fröhliche Stimmung und kein Ende des Erzählens der neuen Erlebnisse. Viele Berliner schwammen auf einer Glückswoge, von der niemand wusste, wie es weiter gehen würde. Das Fernsehen oder das Radio blieben in dieser Zeit bei den meisten Berlinern den ganzen Tag an, um nichts Neues zu verpassen. So blieb die Hochstimmung für eine ganze Weile erhalten.

Meine Schwester Gretel kam aus Bad Salzuflen, um mit mir in Berlin an der Vereinigung der Stadt teilzunehmen. Als ehemalige Berlinerin war es für sie selbstverständlich vor Ort zu sein. Wir fuhren zur Mauer am Brandenburger Tor, gingen durch den neuen Übergang und durch das Brandenburger Tor. Es war ein herrliches Gefühl den Durchgang ohne Einreisepapiere, die wir sonst vorher beantragt haben mussten, zu passieren. Einfach von einem Teil der Stadt in den anderen zu gehen war ein lang vermisstes Erlebnis.

Wir spazierten die Linden entlang. Dort war ein fröhliches Gedränge. Deti schwärmte mir 1989 als 75jährige vor, wie sie als junges Mädchen auf dieser breiten Allee bummeln ging.

Wir fuhren auch in das Berliner Umland. Als Schülerin hatte Deti in Grünheide ein Internat besucht, als Mutti sich von ihrem ersten Ehemann scheiden ließ. Wir fuhren von Treptow mit dem Dampfer und fanden das Heim. Sie hatte damals auch Kontakt mit den Nachbarsleuten, die wir besuchten. So konnten noch alte Erinnerungen aufgefrischt werden. Auch bei ihren späteren Besuchen bei mir hielt sie den Kontakt zu dieser Familie. Wir fuhren auch nach Grünau zur Regattastrecke, die sie gut in Erinnerung behalten hatte. Das Strandbad dort war früher für die Britzer die 'große Badewanne' vor der Teilung Berlins. Das Strandbad Wannsee lernte ich erst als Westberlinerin nach der Teilung kennen. So besuchten viele Westberliner nach und nach die Orte, die jahrelang als Ausflugsgebiet nicht zur Verfügung standen."

Gisela Stange
(Auszug aus Gisela Stange: "Nur eine Berlinerin. Band 4: 'Ruhestand-Unruhestand?' Erfahrungen 1989 bis 2004." Books on Demand Gmbh, 2006.)

Original-Bildunterschrift

"1989 - Wir warten auf Mauerdurchgang am Brandenburger Tor"