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Grenzöffnung Rudolphstein/Hirschberg, 9. und 10. November 1989: Am Grenzübergang Rudolphstein/Hirschberg [1/42]

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Details

10. November 1989
Grenzübergang Rudolphstein (Bayern)/Hirschberg (Bezirk Gera, heute Thüringen)
Urheber: Berthold Flessa

Lizenztyp: Creative Commons License

Am Autobahn-Grenzübergang Rudolphstein/Hirschberg auf der A 9, der am 9. November 1989 geöffnet wurde

Abgebildet

Auto, Autobahn, Innerdeutsche Grenze, Leiter (Gerät), Mehrere Personen

Kontext

Autobahn, Begrüßungsgeschenk, Feier, Freude, Grenzöffnung, Innerdeutsche Grenze, Stau

Orte

Berg-Rudolphstein, Grenzübergang Rudolphstein/Hirschberg (Saale), Hirschberg (Saale)

Text im Bild

Bayerischer Rundfunk

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Erinnerung

"An der Rastanlage Frankenwald auf bayerischer Seite bot sich ein ungewöhnliches Bild: Ostdeutsche Trabis und Wartburgs standen auf westdeutschen Parkplätzen. Das bayerische Rote Kreuz hatte Zelte aufgestellt, um die DDR-Bürger mit warmen Getränken zu versorgen. Viele von ihnen hatten über Radio oder im Fernsehen von der Grenzöffnung erfahren, fuhren direkt nach Schichtende über die noch vor kurzem unüberwindbare Grenze nach Rudolphstein und nach kurzen Aufenthalt wieder zurück in die DDR, um ihren Verwandten und Bekannten vom Wunder der Grenzöffnung zu berichten. Fremde Menschen umarmten sich mit Tränen in den Augen, nationale und internationale Presse- und Fernsehteams waren vor Ort, um über dieses einmalige Ereignis zu berichten. Diese ersten Stunden der Grenzöffnung mitzuerleben war ein unvergessliches Erlebnis.

Am nächsten Tag, dem 11. November, begann dann der große Ansturm nach Westen. Endlose Kolonnen von DDR-Fahrzeugen bewegten sich im Schritttempo in Richtung Süden. Die Rastanlage Rudolphstein war hoffnungslos überfüllt und selbst auf der Autobahn wurden die Fahrzeuge geparkt, denn in der Poststelle der Rastanlage erhielten die Noch-DDR-Bürger das Begrüßungsgeld ausbezahlt.

Eine blaue Dunstwolke, verursacht von den Zweitaktmotoren der Trabis oder Wartburgs, hing über der Autobahn und machte manchem 'Wessi' das Atmen schwer. Hunderte begeistert winkende Menschen standen auf den Brücken und an der Autobahn, um die Einreisenden mit kleinen Geschenken zu begrüßen. Vormittags Schrittverkehr in Richtung Bayreuth, Bamberg, Nürnberg, am späten Nachmittag in Richtung Osten, das war der Alltag der nächsten Monate. In Richtung DDR reichte der Stau zeitweise bis Bayreuth zurück.

Um den Grenzübergang Rudolphstein zu entlasten, plant man die Öffnung der Grenze an der A 722 bei Heinersgrün. Zu diesem Zweck leitet die Bundesregierung intensive Verhandlungen mit der Führung der DDR ein, um diesen Teilabschnitt wieder befahrbar zu machen. Denn die einbahnige A 722 ist seit 1951 von der bayerischen-sächsischen Grenze bis zur Anschlussstelle Töpen für den öffentlichen Verkehr gesperrt, lediglich landwirtschaftlicher Verkehr nutzt in einigen Bereichen das längst in Vergessenheit geratene Teilstück der ehemaligen Autobahn.
Am 14. November kommt dann die Anordnung zur Befahrbarmachung dieser Strecke. Für die Eröffnung des Streckenabschnitts sind verschiedene Sofortmaßnahmen notwendig. (…) Wie zügig derartige Bauarbeiten vorangehen können, beweist die Autobahnmeisterei Münchberg, als deren Leiter Heinz Ringlein mit 25 Mann, sechs Lastwagen, vier Unimogs und Kehrmaschinen sowie 25 Männer der Firma Spörl aus Hadermannsgrün unter Einsatz von drei Baggern, drei Walzen, einem Straßenfeger und einigen LKW unverzüglich mit den Arbeiten beginnt.

Der damalige bayerische Ministerpräsident Max Streibl und Staatssekretär Gauweiler besuchen am 15. November die Baustelle, um sich über den Verlauf der Arbeiten zu informieren. Es läuft alles nach Plan. Am Nachmittag des 17. November kommt gegen 15:30 Uhr über Funk die Genehmigung zum Betreten des DDR-Hoheitsgebietes. Der blau-weiße Schlagbaum wird abgebaut und mit den Rodungsarbeiten bis zum Metallgitterzaun begonnen. Nach Mitternacht bauen dann DDR-Grenztruppen im Licht unzähliger Scheinwerfer den Metallzaun auf einer Breite von 30 Metern ab. In Tag- und Nachtarbeit ist schließlich am Samstag, dem 19.11.1989 gegen 18 Uhr die A 722 wieder fahrbereit hergestellt und kann am Morgen des darauf folgenden Tages dem Verkehr übergeben werden.

Am Sonntag, dem 19. November 1989, durchschneiden Bundesminister Dr. Jürgen Warnke, der Stellvertretende Vorsitzende des Bezirksrates Karl-Marx-Stadt Joachim André und der bayerische Staatsinnensekretär Dr. Peter Gauweiler das Band und geben somit in einem historischen Augenblick die Autobahn frei. Nach 38 Jahren rollt wieder ein Auto über diese Straße. Aus vielen nachfolgenden Fahrzeugen wird den am Straßenrand stehenden Zuschauern Weihnachtsgebäck gereicht."

Berthold Flessa

Auszug aus: Berthold Flessa, Helmut Goller: Die Geschichte der Autobahn 1934 bis 2000. Abschnitt Autobahndreieck Bayreuth/Kulmbach bis Landesgrenze Thüringen/Sachsen. 5, Arbeitskreis Stadtgeschichte, Münchberg 2000