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Abtransport von Mauersegmenten nach Paris, Ost-Berlin, Winter 1990/1991 : Mauersegment mit Bemalung von Manfred Butzmann [1/13]

INFORMATIONEN ZUM OBJEKT
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Details

Februar 1991
Berlin-Rummelsburg
Urheber: Jean Pichard

Lizenztyp: Keine Creative Commons

Abtransport eines Mauersegments auf dem Gelände einer ehemaligen NVA-Kaserne in Berlin-Rummelsburg, wo im Zuge des Mauerabbaus von der Bundeswehr Mauersegmente verkauft wurden; zwei dieser Mauersegmente sind nach einer Schenkung des Künstlers Daniel Boulogne im Museum "Le Mémorial de Caen" (Le Mémorial de Caen: Die Berliner Mauer, Stand 23. April 2009) ausgestellt und dokumentieren die Aktionen des Ost-Berliner Grafikers Manfred Butzmann (siehe auch Eugen Blume (Hg.): Butzmanns Heimatkunde in 24 Abteilungen, Berlin 1992), der illegal die Ostseite der Berliner Mauer bemalte.

Abgebildet

Kran, Mann, Mauerbild, Mauerrest, Mehrere Personen, Tier

Kontext

Handel, Kunstaktion, Künstler, Museum

Personen/Organisationen

Bundeswehr, Butzmann, Manfred, Nationale Volksarmee

Orte

Andere Orte (Berlin)

Text im Bild

Has[e] / blei[bt] / Ha[se]

Alle Bilder des Albums

Erinnerung

"Stadtteil Rummelsburg in Ost-Berlin, eine ehemalige Kaserne der Nationalen Volksarmee. Hier werden jetzt die Segmente der Berliner Mauer durch die Bundeswehr verwaltet. Ich habe vier Stück zum Grundpreis von je 250 D-Mark gekauft – für bemalte Exemplare zahlt man bei der Bundeswehr bis zu 10 000 D-Mark, in Monte Carlo wurden sie von Museen und Privatinteressenten aus aller Welt zu noch viel höheren Preisen ersteigert. Nun werden die Segmente verladen, um nach Paris transportiert zu werden. Dort sollen sie auf den Champs Elysées aufgestellt und von deutschen Künstlern aus Ost und West bemalt werden.

Daniel Boulogne, ein französischer Unternehmer und leidenschaftlicher Sammler, hat mir den Auftrag erteilt, blanke Mauersegmente zu besorgen. Hier liegen ein paar Dutzend, einige sind beschmiert, die meisten grau. Gestern habe ich in einem Depot an der Wollankstraße, zwischen den S-Bahn Gleisen, noch viel mehr gesehen. Tausende von Segmenten, aufgetürmt zu Stapeln hoch wie zweigeschossige Häuser, die enge Schluchten bilden, Straßen, Kreuzungen. Der Schnee verstärkte den gespenstischen Eindruck noch: Eine tote Stadt. 'Suchen Sie sich welche aus, Sie müssen aber für das Aufladen sorgen. Ein Stück ist zwei Tonnen schwer.' Ich war plötzlich völlig erschöpft, denn das hatte ich nicht einkalkuliert. 'In der Kaserne haben wir aber auch einige Stücke, die wir für Sie mit dem Bundeswehr-Kran aufladen können.'

Hier in Rummelsburg nun, als drei Stücke schon auf dem Sattelschlepper liegen, entdecke ich erst ein Mauerstück, dann ein zweites, das ich sofort erkenne: Unter dem weißen Anstrich sind noch die Schatten jener Malerei zu sehen, die der Ostberliner Künstler Manfred Butzmann am 20. November 1989 am Potsdamer Platz anfertigte. Ich habe damals, ebenfalls im Auftrag von Daniel Boulogne, zwei Tonnen Farbe aus Frankreich an die Berliner Künstler im Osten übergeben. Eine Tag- und Nachtaktion, die im Radio, im Fernsehen und in der Presse kommentiert wurde: Zum ersten Mal traute sich jemand, die Ostseite der Berliner Mauer zu bemalen. Am nächsten Tag aber wurde alles von den Vopos mit weißer Farbe übermalt.

Wie der glückliche Zufall es will, liegen zwei dieser historischen Relikte nun vor mir. 'Halt! Ich will diese zwei Stücke hier haben. Bitte laden Sie das letzte wieder ab.' Die erste Reaktion ist Unverständnis, Aufregung, dann werden zusätzlich sogar noch einige der runden Abschlusselemente, der Betonrohre, aufgeladen. Morgen wird die ganze Ladung bei Daniel Boulogne Entreprise im Pariser Vorort Courbevoie abgeliefert. Und morgen werde ich den Vorwurf hören: 'Was sollen wir denn damit anfangen. Wir hatten doch blanke Segmente bestellt!'

Die Malaktion auf den Champs Elysées fand nie statt. Im Oktober 1999 wurden diese zwei Segmente an das Museum Mémorial de Caen übergeben, wo sie seit dem 10. Jahrestag des Mauerfalls zu sehen sind und Geschichte bezeugen."

Jean Pichard (West-Berlin)