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Familienurlaub am Plattensee in Ungarn, Juni 1989: Vor einer Gaststätte am Balaton [3/9]

INFORMATIONEN ZUM OBJEKT

Details

Juni 1989
Ungarn, Tihany
Urheber: Renate Börner

Lizenztyp: Creative Commons License

Abgebildet

Gaststätte, Mehrere Personen

Kontext

Absperrung, Ausreise, Ausreisewelle, Auto, Familie, Freiheit, Freude, Heimat, Innerdeutsche Grenze, Insel, Mauerfall, Reise, Überwachung

Personen/Organisationen

Ministerium für Staatssicherheit

Orte

Balaton

Alle Bilder des Albums

Erinnerung

"Im Februar 1988 begegneten sich die Brüder Günther, geboren 1937 in Thüringen und auch dort wohnhaft, und Fritz, geboren 1946 in Österreich, das erste Mal in ihrem Leben. (Wie es dazu kam, ist eine Geschichte für sich und hier nicht gefragt.) Nach einem langen Genehmigungsverfahren, das der Bruder Fritz in Österreich einleitete, durfte er mit seiner Frau in die DDR einreisen. Es war ein spannender, unsagbarer Moment als mein Mann Günther und ich an der Autobahnausfahrt in Eisenach standen und ein Auto mit österreichischem Kennzeichen die Landstraße entlangkam.

Es wurden Pläne für ein baldiges Wiedersehen geschmiedet. Die innerdeutsche Grenze bestand selbstverständlich noch, und niemand von uns hätte damals auch nur daran gedacht, dass sie je verschwinden würde. Ein Treffen in Ungarn erschien uns daher noch am ehesten realisierbar. Zurück in Österreich, buchte Bruder Fritz einen gemeinsamen Urlaubsaufenthalt in einer Ferienanlage auf der Halbinsel Tihany. Im Juni 1989 begegneten wir uns dort wieder. So ein schönes Ferienhäuschen hätten wir uns als DDR-Bürger nie leisten können. Unsere finanziellen Mittel für Ungarn waren staatlich vorgeschrieben. Die gesamte Ferienanlage war eingezäunt. Auf dem hoteleigenen Parkplatz war unser Auto das einzige DDR-Fahrzeug.

Wir genossen die gemeinsamen Ferientage. Doch eines machte unsere Österreicher stutzig. Regelmäßig kam eine Frau kommentarlos an unserem Ferienhaus vorbei. Sie waren fest der Meinung: Wir werden von der Stasi beobachtet. Nach Tagen wurden dann auch wir stutzig. Wir stellten fest, das Pkws mit DDR-Kennzeichen am Straßenrand abgestellt waren und niemand sie abholte oder wegfuhr.

Als wir nach dem wunderschönen Urlaub mit unserer neugewonnenen Verwandtschaft, mit herrlichen Ausflügen und interessanten Abenden in den Weinbergen bei Gesang wieder zu Hause waren, ging uns ein Licht auf! Wir hatten in Ungarn tagelang keine Nachrichten verfolgt. Nun hörten wir, dass viele DDR-Bürger ihre Heimat verlassen wollten, weil sie das Eingesperrtsein nicht mehr ertragen konnten, und dass sie sich unter anderem in Massen in Ungarn aufhielten, um die Ausreise über Österreich in die Bundesrepublik zu erreichen.

Jetzt war auch uns klar, warum in Ungarn herrenlose DDR-Pkws gestanden hatten. Es waren ja nur materielle Dinge, die die Menschen zurückließen und die im Moment nicht mehr interessierten. Eine andere Idee hatte sich in ihren Köpfen Platz verschafft. Die ehemaligen Besitzer dieser Fahrzeuge wollten in den 'Goldenen Westen', wollten in Freiheit leben.

Inzwischen ist die Grenze gefallen und die Brüder und ihre Ehepartner können sich ungehindert besuchen, sich gegenseitig ihre schöne Heimat zeigen und das Beisammensein genießen. Ist das nicht herrlich?"

Renate Börner (Dönges)

Original-Bildunterschrift

"Ausgang in eine Csárda"